Dehnungsschmerz als Psychotherapie

Mit dem Spagat zur inneren Balance

Seit einer Weile übe ich – und mit mir viele Yogaschüler – nun fast täglich den Spagat.

Die Idee war, eine sich selbst gesetzte Grenze zu überwinden. Dabei muss es gar nicht unbedingt der Spagat sein. Es könnte auch irgendeine andere – für einen selbst schwierige – Position sein. Die man mit wenig Aufwand einmal am Tag praktizieren kann, um darin allmählich weiterzukommen, seine Grenzen auszudehnen.

Zunächst als „lustige“ körperliche Grenzerweiterung gedacht, haben sich nun unterwegs noch völlig andere Segnungen aufgetan, die uns Spagatübenden unerwartet zuteil wurden… – wer hätte das gedacht!?

Diese Erfahrungen lassen sich auch bei vielen anderen herausfordernden Dehnungshaltungen aus dem Yoga, bzw. fordernden Übungen generell machen.

1. Umgang mit körperlichem Schmerz

Sich diesem echt fiesen Dehnungsschmerz, z.B. im Lendenmuskel (Psoas) zu stellen, kann eine arge Herausforderung sein. Und damit ist es beim Spagat ja nicht getan: später kommen die Leisten dazu, die Pomuskeln, Beinrückseiten, etc. Auaaaahöörgs!!! – Die Spagatübung wird zum Ganzkörper-Exerzitium.

Doch es gibt einen „Trick“

Der ist beim Yoga immer gleich: den Körper fühlen, die gedehnten Stellen wahrnehmen, auch alles weitere erspüren, was sonst noch im Körper geschieht. Hineinatmen. Loslassen. Weitersinken. Und wieder weiter wahrnehmen, präsent bleiben. Atmen. Loslassen. Öffnen. Den Widerstand aufgeben. Auch, wenn es zunächst nur für ein paar Sekunden geht. Sich DEM ergeben. Ein Mantra dabei kann sein: „Ich nehme die Herausforderung an.“ Dadurch dürfen sich Blockaden lösen, Verkürzungen entspannen sich, Lebensenergie wird freigesetzt. Ähnlich wie bei der Geburt: das Kind kommt erst, wenn die Mutter sich nicht mehr gegen die Wehen wehrt, sondern ganz mitgeht. Sich vom Schmerz leiten lässt.

Und so zulässt, dass etwas ganz Neues geboren wird…

2. Es ist nur ein Dehnungsschmerz

YOGA IST LEBEN. Das stimmt. Und oft passiert der Transfer „von der Matte ins Leben“ fast unbemerkt.

Eine schwierige Situation taucht auf, erzeugt ein inneres Unwohlgefühl. Und sofort blitzt es auf: „Ach ja, das ist ja wie in der Spagatübung“. Und der so beruhigend wirkende Gedanke hinterher: „Das hälst Du aus.“ Kennen wir ja: atmen, spüren, reinsinken lassen. Präsent bleiben. Nicht ausweichen. Das Prinzip ist identisch.

Durch das tägliche Üben war mir der Umgang mit z.T. besonders unangenehmen Körperwahrnehmungen so vertraut geworden, dass ich auch bei emotionalen Zuständen auf einmal diese Gewissheit hatte, die mir sagte: „Du schaffst das, es ist nur ein Dehnungsschmerz!“. 

Vielleicht ist es in dem Fall das Herz, das gerade gedehnt wird? Oder die eigene Großzügigkeit, die geistige Flexibilität? Oder schlicht: die Liebe, das Mitgefühl. Die Fähigkeit, Dinge geschehen zu lassen, sie anzunehmen, wie sie nun mal sind.

Jede zwischenmenschliche Herausforderung, jeder Ärger, ja jede Art von Leid kommt letztlich, wie die Buddhisten es formulieren, immer bloß aus dem Widerstand dagegen. Nur daraus ergibt sich Drama. Für sich genommen sind Ereignisse, Verhaltensweisen, Umstände etc. nicht schlimm. Sie sind neutral.

Wenn wir genau hinschauen, ist unser Widerstand gegen diese Dinge immer auch körperlich fühlbar. Eine Faust im Bauch, Schmerz im Herzen, Ziehen in der Brust, Dicker Hals, Pochende Stirn… Und etliche weitere, manchmal undefinierbare Sensationen…

Es besteht also die Möglichkeit, unserem inneren Widerstand auch ganz physisch zu begegnen. Uns dem Unbehagen körperlich zu stellen. Genau wie im Spagat.

Und so über den Körper reale emotionale Blockaden aufzulösen.

Und so nach und nach den Widerstand gegen das, was ist, aufzugeben. Im Zen-Buddhismus wird Erleuchtung als ein Zustand beschrieben, „in dem man keine Einwände mehr gegen die Unvollkommenheiten des Lebens hat.“ (aus „Tao der Sonnenkraft“, Christian Opitz, S.125)

3. Unser Körper ist die „Knüsselschublade“ unserer Seele

Besonders im Becken, im Hüftbereich sind viele Blockaden gespeichert. Gerade bei uns kopflastigen Westmenschen. Die wir zudem unser Leben sitzend verbringen. Eine Yoga-Lehrerin, an deren Workshop ich kürzlich teilnahm, sagte so schön: „Das Becken ist unsere Schublade, in die wir alles Unverarbeitete erst mal reinstopfen, wenn keine Zeit ist.“ Und so sammelt sich dort über die Jahre so manches Unaufgeräumte an. Nicht umsonst sind gerade in dem Bereich (Lendenmuskel, Po, Leisten) die Verkürzungen bei vielen Menschen stark ausgeprägt. Und sehr schmerzhaft!

Aber umso vielversprechender auch, sich damit zu beschäftigen, Dinge wieder in den Fluss zu bringen. Sozusagen Auszumisten!

Und zwar ganz einfach über den Körper. Man muss nicht immer „in die story“ einsteigen. Man muss manchmal auch gar nicht wissen, was genau geschehen war. Der Körper erinnert sich schon und kann evtl. die Starre wieder lösen, in die er an bestimmten Stellen verfallen ist, um einen Schmerz, eine unverarbeitete Erfahrung zu speichern.

Und das betrifft nicht nur den Beckenraum. Man sagt, dass alle Traumen, alles seelisch Unverarbeitete körperlich hinterlegt ist. Es wurde irgendwo zwischengespeichert, in der Hoffnung, es eines Tages, später einmal, bearbeiten zu können. Und dieser Ablageort ist häufig das Bindegewebe (Fasziengewebe). Daher sind die Dehnungen dieser Bereiche, wie wir sie z.B. im Yin Yoga praktizieren, so intensiv. Und auch so wirksam… 😉

4. Sich freiwillig dem Schmerz stellen – um zu wachsen!

Ein weiterer Aspekt, der zu größerer emotionaler Balance führt: Die Tatsache, sich freiwillig der Herausforderung zu stellen! Dieser schon morgendliche Kontakt mit dem Schwierigen, Un-Komfortablen – das man ja in der Regel eher zu vermeiden sucht – kann verhindern, dass man erst Situationen in seinem Leben kreieren muss, die einen dahin bringen. Und ist denn diese Konfrontation mit dem Schmerz, dem Unangenehmen überhaupt notwendig? – Ich denke, ja. Um zu wachsen, geschieht das automatisch. Wir werden vom Leben an den Rand unserer Komfortzone, und manchmal weit darüber hinaus gebracht, um zu erkennen, dass wir viel stärker sind als wir gedacht haben.

Viel mehr können, weiter gehen können, kraftvoller, liebender, größer sind als wir uns je, aus unserer alten, engeren Perspektive heraus, zugetraut hätten.

Dieses freiwillige Sich-Konfrontieren auf Körperebene, schon bevor eine äußere Situation eintritt, erzeugt ein erstaunliches Gefühl von Stärke und Selbstsicherheit. Aus dem Körper heraus.

Diese Beobachtung erinnert mich an Untersuchungen bei Naturvölkern, die real in ihrem Alltag vom Tod bedroht sind (durch gefährliche Tiere, giftige Pflanzen, unwirtliche Umgebung, Krankheiten etc.). Erstaunlicherweise fand man heraus, dass dort Ängste kaum bekannt sind, Depressionen nicht existieren. … Ganz im Gegensatz zu unseren industrialisierten Gesellschaften, in denen wir bis unter die Zähne abgesichert leben: hier sind starke Ängste und Depressionen fast jedem Menschen vertraut.

Ich bin keine Psychotherapeutin und es ist nur meine eigene Erfahrung, aber so kommt es mir auch mit intensiven Yogaübungen, bzw. hier mit dem Spagat, vor: wenn wir uns freiwillig konfrontieren, kommt die Psyche zur Ruhe und muss diese Dinge nicht für uns erledigen.

Wie sind Ihre Erfahrungen mit körperlichen Herausforderungen?
Mit dem Spagat? Mit intensiven Dehnungsschmerzen?

Vielleicht haben Sie auch Lust (bekommen), sich den Grenzen Ihres Körper zu stellen?

Ich verspreche Ihnen: Sie werden Spaß haben!

Enjoy!